Ziegen-Erinnerungen

Vanessa Vassar – 28. Juni 2019


Heute morgen denke ich darüber nach, wie wir Erinnerungen in uns festhalten – in der Substanz unseres Körpers oder in den flüchtigen Gesängen unserer Seele.

Warum zieht es uns zu bestimmten Tätigkeiten hin, zu bestimmten Nahrungsmitteln, Gerüchen, bestimmter Musik, bestimmten Menschen und sogar Tieren?

Das frage ich mich nach einem Gespräch, das ich vor kurzem mit meiner Mutter geführt habe, nachdem ich meinen ersten Blogeintrag Die Ziegen gepostet hatte. Von ihr wurde ich daran erinnert, dass unsere Familie schon lange mit Ziegen zu tun hat, mit Landwirtschaft und Tieren, was nur in meiner Generation übersprungen worden war, bis ich nach dem Tod meiner geliebten Tochter Sky anfing, Zeit mit Ziegen zu verbringen.

Und nun werde ich plötzlich mit Geschichten über Ziegen überschwemmt, und sie scheinen aus allen Teilen meiner Gehirnwindungen hervorzukommen. Wie konnte ich das alles nur vergessen – sogar während ich die Geschichte zu unserem in Kürze erscheinenden Kinderbuch Evan and the Skygoats schrieb?

Meine Mutter zeigt mir Familienfotos und erinnert sich an ihre eigenen Erlebnisse mit Ziegen in Texas. Sie weiß noch, wie sie als Drei- oder Vierjährige am Herd eines kleinen Hauses auf dem Bauernhof ihrer Familie Zicklein mit der Flasche fütterte. Das kleine Haus lag ganz in der Nähe des Haupthauses, in dem sie mit ihrer Familie lebte. Hier auf dem Foto ist sie als Dreijährige mit ihrer Puppe auf dem Hof zu sehen.

Sie war mit ihrer Familie Mitte der 1940er Jahre in diese Gegend von Texas gezogen, damit ihr Vater das schwefelhaltige Wasser trinken konnte, das ihm bei der Erholung nach der Entfernung einer Niere helfen sollte – einer Operation, vor der die Ärzte ihm gesagt hatten, dass er sie nicht überleben würde. Zu den Tieren auf dem Hof der Familie gehörten Schweine, Hunde, Hühner, eine Kuh, ein Stier namens Buck und mehrere Ziegen.

Während wir Tee trinken, erfreue ich mich an den Geschichten meiner Mutter, und auch sie lacht, als sie mir erzählt, wie sie und ihre Geschwister einmal nicht von einem Baum herunterkamen, auf dessen tief herabhängenden Ast sie geklettert waren, um dort im Schatten zu sitzen. Einige Zicklein waren ihnen auf den Baum hinterhergeklettert, wussten aber noch nicht, wie man rückwärts wieder hinunterkam, bis meine Großmutter sie suchen ging und alle rettete.

Meine Mutter sagt, die Ziegen hätten mit ihr und ihren Geschwistern gespielt wie Kinder, daher überrascht es nicht, dass man junge Ziegen hier in Amerika „Kids“ nennt. Zusammen fragen wir uns, wie sehr das niedliche und verspielte Wesen dieser Ziegen meinem Großvater während der Heilungsphase nach der Operation geholfen haben mag.

Sie hielten Angoraziegen wie die auf diesem Foto meines Onkels und Großvaters mütterlicherseits.

Außerdem erzählt mir meine Mutter, dass ihre Großeltern väterlicherseits einst über 200 Ziegen besaßen. Die Familie lebte auf einem Stück Land, auf dem so viel Buschwerk und Dornensträucher wuchsen, dass Ziegen die am besten geeigneten Tiere für die Aufgabe waren, das Land davon zu befreien. Meine Großtante Sue besann sich letzte Woche während eines Telefonats mit meiner Mutter darauf, dass die Ziegen manchmal in den Dornen hängenblieben. Sue sagte, sie wisse noch, dass sie ihren Vater oft begleitet habe, um die Ziegen aus ihrer misslichen Lage zu befreien, und dass dies für sie mit zu den interessantesten Erlebnissen auf dem Bauernhof gehörte.

Eine weitere kostbare Erinnerung habe ich wiedergefunden, als ich eine alte Fotokiste durchging. Hier im Bild ist meine Tochter Sky zu sehen, die während eines Zwischenstopps auf einer unserer Reisen durch New Mexico glücklich lächelnd vor einem Gehege mit Ziegen steht.

Ich starre auf dieses Foto und erinnere mich nun auch daran, dass Skys Liebe zu Ziegen sich schon einige Jahre vor der Aufnahme dieses Fotos gezeigt hatte, als sie und ich noch in Santa Fe lebten. Wir sahen häufig eine Frau mit Ziegen den Alameda River Walk entlanglaufen, wenn ich Sky zur Schule fuhr. Ich weiß nicht, wie oft Sky mich fragte, ob sie auch eine Ziege haben könne, und mir versprach, sich um sie zu kümmern und jeden Tag mit ihr spazieren zu gehen.

Wie tief waren diese Erinnerungen an Ziegen also in mir vergraben? Und während ich weiterhin versuche, den Tod meiner Tochter zu verarbeiten und mit dem Trauma und dem Gedächtnisverlust lebe, frage ich mich, was in mir auf diese kostbaren Erinnerungen reagiert hat, als ich mich das erste Mal dazu entschloss, Ziegen aufzusuchen.

Für mich waren die Ziegen der erste Schritt auf der Suche nach einem Weg, ohne meine wunderschöne Tochter auf dieser Welt zu bleiben. Es hat noch so viele andere Faktoren gegeben, die ich mir zusammengesucht habe, um mein gebrochenes Herz zu heilen, und ich wundere mich oft selbst, was für Dinge das sind. Aber Ziegen waren definitiv der Ausgangspunkt für meine Hinwendung zu einer neuen Form des Hierseins.

Wenn mich immer wieder quälende Gedanken an meine Geschichte überfallen oder ich von der Nachricht erschüttert werde, dass ein anderes Elternteil ein Kind verloren hat, kann es passieren, dass ich von einer Trauer in die Knie gezwungen werde, die mich so schwächt, dass es mitunter unmöglich scheint, je wieder aufzustehen. Ich setze diesen Zustand inzwischen mit einem warmen, mit Tränen getränkten Kokon gleich, in den ich mich hülle.

Der Name, den mir meine Mutter gab, Vanessa, ist griechischen Ursprungs und bedeutet Schmetterling. Ich konnte mir im Laufe meines Lebens immer leicht vorstellen, ein Schmetterling zu sein. In den letzten neun Jahren der Trauer und der Heilung jedoch einer, der manchmal herrlich fliegen kann und doch immer wieder in seinen Kokon zurückkehrt.

Eine der Illustrationen von Ophelia Cornet in unserem Buch Evan and the Skygoats zeigt eine Mutter, die ihr Kind vermisst, und zeichnet darin das anschauliche Porträt der Mutter, die mit einem überwältigenden Kummer lebt, die aber auch wieder Freude an der Welt empfindet, noch während sie ihre eigenen Tränen auffängt. Die Mutter scheint aus einem Zweig voller Blüten und Pflaumen hervorzukommen, so wie ich mir vorgestellt habe, aus meinem Kokon zu schlüpfen. Dabei sehe ich die Farben meiner eigenen Flügel und die überwältigende Schönheit der Welt, bis es Zeit ist, mich wieder zurückzuziehen.

Mit meinem Kummer bin ich so umgegangen, dass ich mich manchmal an einen Freund, eine Freundin oder ein Familienmitglied gewandt habe, und ihn manchmal auch still angenommen habe und dann allein durch meine Trauer gegangen bin, vor allem in der Natur.

Und doch hat mich meine Trauer mit Menschen verbunden, die selbst mit extremen Verlusten kämpfen, und sie hat mein Herz noch mehr für die bekannten und unbekannten Geschichten anderer geöffnet. Dafür bin ich dankbar.

Ich werde wohl nie erfahren, ob mein anfänglicher Wunsch, Ziegen um mich zu haben, von einem vergessenen Erlebnis herrührte. Und ich kann nicht sagen, ob das Zusammensein mit Ziegen für jemand anderen genauso heilsam sein könnte wie für mich. Doch ich habe gelernt, wie wichtig es ist, auf sich selbst zu hören.

Wenn du gerade trauerst und versuchst zu heilen, ermutige ich dich, sanft zu dir selbst zu sein, auf dich zu hören und auf das, was sich für deine persönliche Heilung richtig anfühlt – das sind auch die ersten beiden Punkte in meiner Liste der Love Thoughts für Trauernde, die am Ende unseres Kinderbuchs Evan and the Skygoats zu finden sein wird.

Denn für dich könnte das Wiedererwecken verborgener Erinnerungen an etwas, mit dem du dich verbunden fühlst, an Orte und Dinge, die dich tief im Inneren trösten, darin bestehen, die Wellen im Meer zu beobachten, einen Garten zu bepflanzen, um Mitternacht spazieren zu gehen oder einen Bewässerungsgraben auszuheben. So wie es für mich immer wieder die Freude am Wesen der niedlichen und verspielten Ziegen sein wird.

Skyküsse für immer

V.